Bedeutung der Konferenz und Bezug zum Swiss IGF
Der European Dialogue on Internet Governance (EuroDIG) ist die offene Multistakeholder-Plattform für den europäischen Austausch über die Zukunft des Internets und seine Governance. Seit 2008 bringt EuroDIG einmal jährlich Regierungen, technische Community, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft des ganzen europäischen Kontinents zusammen. Die Ergebnisse werden als sogenannte «Messages» festgehalten und in den globalen UN-Prozess des Internet Governance Forum (IGF) eingespeist. Damit bildet der EuroDIG das europäische Pendant zum globalen IGF, während das Swiss IGF dessen nationale Schweizer Ausprägung darstellt.
Wichtig festzuhalten: Der EuroDIG ist eine eigenständige, institutionell unabhängige Plattform und keine Veranstaltung der Europäischen Union. Er wechselt seinen Austragungsort jedes Jahr und findet jeweils in einer anderen europäischen Stadt statt. 2026 war er zu Gast in Brüssel – ausgerichtet von EURid, der Registry der .eu-Domain, und anlässlich des 20-jährigen Bestehens von .eu. Das Leitthema lautete entsprechend «European Voices for the Future of the Internet – Celebrating 20 Years of .eu and the Beginning of a New Internet Governance Era».
Für das Swiss IGF ist der EuroDIG von unmittelbarer Relevanz. Wir sind institutionell in den europäischen Prozess eingebunden und teilen mit ihm zentrale Beteiligte und Strukturen. Dies eröffnet einen wechselseitigen Austausch: Europäische Debatten mit europäischen Werten – etwa zu digitaler Souveränität, zur Regulierung von künstlicher Intelligenz oder zur Sicherheit im Netz – fliessen in die Schweizer Diskussion ein. Umgekehrt können wir Schweizer Perspektiven, Akteurinnen und Akteure in den europäischen Dialog einbringen. Diese Verbindung stellt sicher, dass die nationale und die europäische Ebene nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern voneinander profitieren.
Inhalte und Formate: Der Multistakeholder-Ansatz als Methode
Der zentrale Eindruck dieser beiden Konferenztage lässt sich klar benennen: Der Multistakeholder-Ansatz ist für digitale Themen keine formale Geste, sondern eine Notwendigkeit. Die diesjährigen Hauptthemen liessen sich nur unter Beleuchtung aus verschiedensten Richtungen robust angehen:
- die Umsetzung der WSIS+20-Review-Ergebnisse,
- europäische Ansätze zur digitalen Souveränität,
- die Auswirkungen von Quantencomputern auf Cybersicherheit oder,
- vertrauenswürdige künstliche Intelligenz in öffentlichen Diensten – mit Blick auf Transparenz, Verantwortlichkeit und krisenresiliente Kommunikation,
- sowie das Engagement von Plattformen zur Stärkung des digitalen öffentlichen Raums.
Bereits die Eröffnungsplenarsession unter dem Titel «Safeguarding European Democracy and its Digital Public Sphere» verdeutlichte, dass technische, rechtliche und gesellschaftliche Perspektiven hier untrennbar zusammengehören und einseitige Bestärkung der vorgefasste Meinungen in der eigenen «Bubble» drin uns nicht weiterbringt.
Ebenso überzeugend war, wie das Format diesem Anspruch folgte. Auf Keynotes folgten moderierte Diskussionen, in denen Politik und Policy-Fachleute unmittelbar mit der technischen Community und der Zivilgesellschaft ins Gespräch kamen – im echten Austausch und nicht im Nebeneinander getrennter Podien. Parallel dazu vertieften kleinere, fokussierte Workshops konkrete Fragestellungen, etwa zu technischen Massnahmen gegen Online-Schäden, zum EU AI Act und zur Informationsintegrität, zur Quantenkryptografie oder zu Altersgrenzen für soziale Medien. Die zentralen Erkenntnisse jeder Session wurden anschliessend als «Messages» verdichtet.
Dass die Ausgabe 2026 in Brüssel stattfand, brachte regulatorische Realität und technische Machbarkeit dieses Jahr besonders nah zusammen. Es ist dieser konstruktive Dialog über die Grenzen der einzelnen Stakeholder-Gruppen hinweg, den auch das Swiss IGF anstrebt – und der EuroDIG zeigt eindrücklich, welchen Wert er entfaltet.
Learnings und Impulse für das Swiss IGF
Aus Brüssel nehmen wir zwei konkrete Impulse für die Weiterentwicklung des Swiss IGF mit.
Erstens: die starke Präsenz und Einbindung der Jugend. Junge Stimmen waren sichtbar und substanziell beteiligt. Der vorgelagerte YOUthDIG bereitete junge Teilnehmende gezielt vor, und im Rahmen eines intergenerationellen Dialogs brachten sie ihre eigenen Messages direkt in das Hauptprogramm ein. Dies bestärkt uns in einer Entwicklung, über die wir uns freuen: Auch dieses Jahr wird es wieder ein Swiss Youth IGF (youth.igf.swiss) geben. Die frühzeitige Einbindung der nächsten Generation ist für die Legitimität und die Zukunftsfähigkeit des Dialogs zentral.
Zweitens: interaktive Formate und die Einbindung des Publikums. Der EuroDIG lebt davon, dass das Publikum nicht nur zuhört, sondern aktiv mitdiskutiert – über moderierte Plenardiskussionen und insbesondere über die parallelen Workshops, die Raum für inhaltliche Tiefe und echten Meinungsaustausch schaffen. Diese partizipativen Elemente möchten wir am Swiss IGF weiter stärken. Dazu gehört, dass wir uns auch räumlich öffnen, um beispielsweise mehrere parallele Workshops anbieten zu können und damit mehr Platz für fokussierte, themenspezifische Debatten zu schaffen.
Der EuroDIG 2026 hat einmal mehr bestätigt, dass tragfähige Internet Governance nur in engagierten Diskussionen entsteht – über die Grenzen der Stakeholder-Gruppen und über Generationen hinweg. Diese Erkenntnis prägt unsere Arbeit am Swiss IGF.